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Der Mensch als Nagetier Sven Regeners Romandébut «Herr Lehmann» Einen Herrn Lehmann stellt man sich schmerbäuchig und biertrinkend vor, deutschnational und prinzipienfest, hundeliebhabend und frauenverachtend. Einiges davon trifft sogar zu, und doch ist die Vorstellung insgesamt falsch. Unser Herr Lehmann - oder sagen wir lieber: Sven Regeners Herr Lehmann - ist noch keine dreissig, jobbt hinterm Tresen in Berlin-Kreuzberg und wird allgemein unterschätzt. Selbst sein bester Freund Karl hält ihn für «erfrischend simpel». Und die Kollegen in der Kneipe wollen ihn mit der Anrede «Herr Lehmann» ein bisschen aufziehen, was Herr Lehmann gar nicht so witzig findet. Den Respekt, den die flapsige Anrede nur fingiert, hat er sich im Grunde redlich verdient.
Frank Lehmann ist ein Kämpfer (natürlich wider Willen). Im ersten Kapitel kämpft er vor Sonnenaufgang mit einem Kampfhund, der ihm auf der Strasse auflauert und den er mit einer halben Flasche Whisky in die Knie zwingt. Im zweiten, am Telefon, unausgeschlafen und verkatert, mit seiner Mutter. Im dritten, in einer seiner Stammkneipen, mit einer schönen Köchin, die ihm zur Frühstückszeit keinen Schweinebraten servieren will. (Herr Lehmann verabscheut Frühstücke: Er hat so seine Prinzipien.) Am Ende des dritten Kapitels ist er verliebt. Und das Verliebtsein fordert ja allemal zum heldenhaften Kampf heraus.
Später wird's regelrecht handgreiflich. Einen stänkernden Gast zieht Lehmann am Ohr durch die Kneipe, einem ungastlichen Gastwirt beisst er fast den Finger ab. Besonders diese letzte Tat imponiert der schönen Katrin so sehr, dass sie mit Lehmann ins Bett steigt, obwohl sie nach eigenem Bekunden nicht direkt verliebt ist. «Ich glaube, die unterschätzen dich alle», sagt sie. Und er entgegnet ihr: «Bei mir gibt's nichts zu unterschätzen. Ich bin genau der, der ich bin.» Sven Regener (Jahrgang 1961) ist bisher als Sänger und Songtexter der Rockgruppe «Element of Crime» hervorgetreten. Die Dialoge, mit denen er seinen ersten Roman nicht nur bestückt, sondern regelrecht aufpolstert, haben es in sich. Auch da, wo sie ans Absurde heranreichen, wirken sie bemerkenswert authentisch; sie erfassen und reflektieren einen Typus, ein Milieu, eine Lebensart. Aber sie begnügen sich nicht mit der Mimikry, sondern entfalten einen sprühenden Witz, wie man ihn selten antrifft im neueren deutschen Roman. Und er geht auch bei wiederholtem Lesen nicht verloren.
Herr Lehmann scheint keinen grossen Ehrgeiz zu entwickeln. Der Job in der Kneipe ist für ihn keine Alibiexistenz, sondern «Lebensinhalt» genug. Wo andere «eigentlich Künstler» sind (wie sein bester Freund Karl), ist Lehmann ganz uneigentlich Tresenmann und sonst gar nichts. Über den Begriff «Lebensinhalt» vermag er sich - im Streit mit der schönen Köchin - genüsslich zu mokieren. «Vielleicht füllen wir ja den Lebensinhalt in die Leute rein, Mund auf, Lebensinhalt rein, fertig.» Das Bier, das auch Herr Lehmann selbst in grossen Mengen zu sich nimmt, benebelt und enthemmt, zunächst aber lockert es die Zunge. So gesehen ist es nicht gerade ein Lebensinhalt, aber doch ein Treibstoff des Lebens. Es macht den Protagonisten beredt; und was er so daherredet, wenn die Nacht lang ist, balanciert auf dem Grat zwischen höherem Unsinn und tieferer Bedeutung. Hier kommt kein abgehobener Diskurs zustande, keine Rotweinrhetorik, sondern ein imposanter Bierernst, der gelegentlich umschlagen mag in die buchstäbliche Verbissenheit. Wenn Lehmann sich aufgerufen sieht, die Ehre seines Chefs oder seiner Angebeteten zu retten, mutiert er auch schon mal zum menschlichen Nagetier.
Man könnte das für einen Brutaleffekt halten, der zeitgenössischen Kinofilmen entlehnt ist; aber zum einen wirken auch diese Szenen keineswegs übertrieben, zum anderen schmälern sie nicht die Sympathie für den Protagonisten, die der Leser nach und nach - wenn nicht bereits vom ersten Kapitel an - entwickelt. Sie hat wohl damit zu tun, dass Lehmann seinerseits starke Sympathien hegt und pflegt, selbst da, wo er die Schwächen seiner Mitmenschen nur allzu klar durchschaut. Die komplette Personnage dieses Romans ist differenziert gesehen, keine der Figuren erschöpft sich im Stereotyp, wenngleich gewisse Klischees (etwa der Geiz des schwäbischen Kneipiers) um der Freude am Wiedererkennen willen nicht ausgespart sind. Die Sympathie des Lesers ist aber auch der Tatsache geschuldet, dass der Held (der Begriff will beinahe stimmen) sich im Lebenskampf niemals unterkriegen lässt. Nicht einmal von der haarsträubend komischen Penetranz eines original Berliner Busfahrers samstagvormittags auf dem Ku'damm.
Berlin, so viel ist noch nachzutragen, meint hier ausschliesslich: Westberlin. Dass Regeners Roman ausgerechnet im Herbst 1989 spielt und am 9. November endet, ist vielleicht nicht mehr als ein Gag; denn das Politische bleibt in diesem Buch ebenso konsequent ausgeblendet wie die ganze Welt ausserhalb Berlins, ja eigentlich ausserhalb des Kreuzberg-Viertels SO 36. (Neukölln ist Lehmanns Albtraum.) Aber der Kunstgriff weist eben auch deutlich darauf hin, wie eng hier noch die Räume sind: Die Welt endet in einer Sackgasse, in der Nähe des Schlesischen Tors. «Herr Lehmann» spielt im letzten Vierteljahr vor der Ausweitung der Kampfzone. Seine Geschichte ist deshalb in hohem Mass vergangen, was Thomas Mann als eine besonders günstige Voraussetzung für ihr Erzähltwerden betrachtet hätte.
Martin Krumbholz
Sven Regener: Herr Lehmann. Ein Roman. Verlag Eichborn-Berlin, Berlin 2001. 300 S., Fr. 33.-.
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